Alle gezeigten Objekte sind in Öl auf Leinwand ausgeführt

"Nephelismus (von griech. nephele = Nebel) beschreibt eine von Helga Palmisano geprägte Kunststilrichtung, bei welcher das Objekt sich unscharf auf dekonstruktivistische, nebulöse Art mit fremden Hintergründen verbindet und damit ein bewegendes Moment in das Bild hineinzaubert. Damit eröffnet sie dem Betrachter ein neues Bewußtsein für die Unschärfe behaupteter Gegensätze, zeigt die Grenzen des klassischen, dualistischen Weltbildes von Vordergrund/Hintergrund, Himmel/Hölle, Gut/Böse auf, demontiert Objekte von ihrem Hintergrund, entwertet damit diese in ihrem bisherigen Kontext, führt neue Werte und Bedeutungen ein, versucht, den Objekten einen neuen Sinnzusammenhang zu geben, und hebt ihn gleichzeitig wieder auf, in einer Bewegung ohne Unterlaß, bei ständig gleitenden Grenzen, nicht zuletzt aufgrund des fehlenden Duktus in den Ölbildern. Ähnlich Derrida's Dekonstruktion auf Textebene öffnet sie das Bewußtsein für andere, unterdrückte oder widersprüchliche Wahrheiten und Bedeutungen. Sie zeigt nicht, dass nicht Wahrheit oder Bedeutung unmöglich wäre, sondern eher, dass Wahrheiten Bedeutungen enthalten, die sich vor veränderten Hintergründen völlig verändern können. Durch die Aufhebung des Denkens der Grenzen sprengt sie die Grenze des Denkens, und eröffnet eine Methode, alte Denkstrukturen aufzubrechen. Ebenso, wie es keine absolute Wahrheit gibt, zeigt sie mit der Aufhebung der ansonsten scharfen Grenze von dargestelltem Objekt und Hintergrund, dass scheinbar sich widersprechende Bedeutungen unscharf verschwimmen, gleichzeitig wahr sein können. Die für Nephelismus charakteristischen, unscharfen Andeutungen, erkennbar nur aus unscharfen, farbigen Flecken, werden vom Betrachter aufgrund ihrer relativen Position und Größe im Bild als Gegenstände charakterisiert, was dem Gehirn des Betrachters eine erhebliche gedankliche Gedächtinsleistung abfordert, was diese Bilder auch noch nach Jahren interessant erscheinen läßt."

Guido Stepken
Aachen im September 2006

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Eröffnungsrede des Dr. Dirk Tölke anläslich der Ausstellung im Eschweiler Kunstverein vom 08. bis 22. März 2009

Katalysatoren der Lebenslust

Wer kennt sie nicht, die leise Wehmut, wenn ein schöner Moment, den man gerne festhalten möchte, sich dem Ende zuneigt, oder auch die Intensität, mit der man sich vollsaugt mit der sinnlichen Gegenwart einer Naturstimmung, der Beobachtung einer schönen Form oder der Wärme einer menschlichen Begegnung. "Verweile", so lautet auch der Titel einer Werkgruppe Helga Palmisanos, ausführlicher: Augenblick verweile, du bist so schön. Wenn´s am schönsten ist, dann soll man gehen. Als Gastgeber und später Gast hingegen sinniert man noch stimmungstrunken und genüsslich zwischen den Resten, wohlgenährt bei abklingender Musik. Wenn´s am schönsten ist, dann saugt sich Helga Palmisano optisch voll, dann macht sie sich ein Bild, das sie festhalten möchte, dann photographiert sie gelegentlich als malerische Erinnerungsstütze: eine Feier, einen Abend im Urlaub, flirrendes Licht auf bewegtem Wasser, saftige Pflanzendetails, einen Besuch auf einem Markt voller optischer Reize. All dies hängt ihr nach, ist angereichert mit guter Laune, erfreut von den Eindrücken, an denen sie sich nicht satt sehen kann und durch ihre Bildfixierungen, auch wir nicht. Lustvolle Besinnlichkeit enthebt einen so sichtbar gemacht, dadurch kurzfristig dem Verlauf der Zeit, gesättigt mit Lebensfreude, die sie teilt und mitteilt.
Helga Palmisanos Bilder versuchen diese Intensität zu bannen und es gelingt Ihnen, sie erneut spürbar zu machen. Urlaubsstimmung, abseits kitschiger Postkartenmotive oder Klischees der Dagewesenseinsbestätigung. Kein Tourismusmarketing, keine Portraits, sondern am persönlichen Erlebensfall verallgemeinerte lebensbejahende Begeisterung für die Schönheit von Welt und Augenblicken. Bilder, die die Momente in Stimmungsprotokollen einzufangen versuchen. Wie wird dies nun in Öl auf Leinwand bildwirksam?
Helga Palmisano malt gegenständlich und im ersten Anschein photorealistisch. Sie bleibt konkret. Zwei Zielrichtungen lassen sich dennoch erkennen. Stilleben und Lebens-Stills. Sie sehen zum einen Detailvergrößerungen von Naturobjekten und Naturprodukten: saftige, sinnlich farbschwelgerische Bilder voller Lebensmittel und Lebensfreude, die mit süffigem Glanz und kandiertem Licht eine latente Wirklichkeitsentrückung bekommen, die dennoch nicht klinisch und künstlich wirken, sondern sinnlich-sehnsüchtige Begierde erzeugen.
Da sind die Früchte, die in fast lüsterner Taufrische ihre Saftigkeit, Knackigkeit und Farbpracht entblößen. Vom Firnis und der Pigmentdichte sattsam glänzend, sind es dennoch keine nachgemalten Photos, keine Werbeszenarios oder biologische Präparate, sondern interpretiertes Naturgut, Lebens-Zeichen, Stills, mitgemalter Geschmack, Katalysatoren des Genusses.
Zum anderen schildert Helga Palmisano in matter Zurückhaltung aber mit wohlgesetzter, gedeckter Buntfarbigkeit Situationen, die atmosphärischen Nachgeschmack atmen oder Zustandsprotokolle von Gemütsverfassungen nicht nur positiver Erinnerungen oder hoffnungsfroher Ahnungen sind, wie etwa die wiederum in Ausschnitten erfassten, in fast magritte-haft surrealer Bildwitzpoetik versinn-bildlichten hemdsärmeligen Managertypen. Helga Palmisanos Fokus auf das Leben registriert nämlich ebenso seismographisch Stimmungen von Betroffenheit, Mißhagen und Befremden, wenn es um tagespolitische Ereignisse geht. Aufruhr, Revolte und feiste "Schrittmacher" sind ihr gleich bildbedeutsam, hier eben beispielsweise krisenschüttelnde Wirtschaftslenker, die als Herde auf unsicherem Grund dahintraben.
Bei dieser Werkreihe dient eine bewußte Überstrahlung, ein gleißender, nebliger oder blendender Übergang der Farbbereiche der Vermeidung des Eindrucks, nur ein Photo auf Leinwand zu übertragen. Ihre Bildmittel ähneln eher den verschwommenen Erinnerungsbildern, die wir alle in uns tragen und die ebenfalls diese latente Lückenhaftigkeit und fokussierte Unschärfe besitzen, wenn wir sie uns wieder wachrufen wollen. Trotz Unschärfe bleibt in Helga Palmisanos Gemälden der Kontext immer sichtbar. Mit klar erkennbaren Sujets und Zusammenhängen, mit nachvollziehbarer Gestik und Mimik, aber ohne Präzisierung bestimmter Personen oder individueller Züge lässt Helga Palmisano allgemeine Stimmungsanmutungen bildhaft werden. Die Verunklärungen und Farbverschiebungen bilden Hilfsmittel zur Kenntlich-machung des optischen Nachgeschmacks eindrücklicher Begebenheiten.
Für Helga Palmisano haben diese Bilder auch den Charakter eines persönlichen Tagebuchs der Empfindungen.
Für diese Intention selektiert sie Momente und Mikrokosmen und "zelebriert" diese auf der Leinwand. Ihr Handwerkszeug lernte die gebürtige Aachenerin, die seit 2005 wieder in Kornelimünster atelieransässig ist, in langen Lehr- und Wanderjahren in Düsseldorf und anderswo, u.a. durch Studienaufenthalte in Italien und Zimbabwe.
Ihr Stilmittel ist die überblendende Konturunschärfe verschmelzender Farbübergänge, eine verflächigende Verwischungsstrategie, die sie nach dem griechischen Wort für Nebel Nephelismus genannt hat.
Verstärkt und eigenständig wird diese gelegentlich ("Glück gehabt") an eine grellfarbige Macke erinnernde Flächenmalerei durch den fehlenden Pinselduktus. Jede plakativ graphische Strenge hingegen wird durch die malerische Verunklärung der Konturen verhindert, die den Eindruck fliehender, ja geradezu abgesogener Flächen machen. Der Aspekt des persönlichen Blickwinkels wird durch die ungestellt wirkenden, aber in ihrer Momentaufnahmekonstellation offensichtlich an Fotografien angelehnte Komposition unterstützt. Bildwitz und Beobachtungsgabe heiterer (Raum 1) und brisanter Motive (Raum 3) weisen den wachen Geist aus, den Party, Lifestyle und Wellness nicht hinreichend prägen konnten. Die nuancenreiche Farbigkeit ist in ihrer stumpfen Frische eindeutig gegenwärtig, von Neon, Web und Werbung beeinflußt, aber auch eindeutig eine ungewöhnlich selbstbestimmte Palette.
Wie meisterlich, farblich gekonnt und malerisch geschult sie ihre
lichtdurchflutete, oft lichtüberflutete Bildräume umzusetzen vermag, davon können sie sich nun ein eigenes Bild machen.

Dr. Dirk Tölke
Aachen im März 2009